DEN GEIST LEER MACHEN
Autor: Alejandro Jodorowsky
22 Jun
Das Wesentliche eines jeden Koans ist das Paradoxon, was soviel heißt wie „jenseits des Denkens”. Es ist kein Rätsel, da es nicht mit dem Verstand zu lösen ist. Um ein Koan zu lösen, bedarf es eines Sprunges auf eine andere Ebene des Begreifens. Bei der Koan-Meditation geht es darum, die gedanklichen Grenzen zu überschreiten, um dahinter die wahre Natur aller Dinge zu erkennen.
Wenn ein Meister seinem Schüler ein Koan aufgibt, wird dieser zunächst versuchen, die Antwort mit dem Verstand zu finden. Erst wenn sich sein Denken irgendwann erschöpft hat, wird er andere Lösungsmöglichkeiten in Betracht ziehen. So wird er sein strukturelles Denken, seine subjektiven Bewertungsmaßstäbe und sein „schlaues Reden” aufgeben, den Geist leer machen und nach und nach Instinkt und Intuition wieder entdecken. Er wird die Wahrheit hinter seiner Wahrheit entdecken. Das folgende Beispiel soll einen ersten Eindruck von dem vermitteln, was mit „dem Sprung auf eine andere Ebene” gemeint ist:
Das Herz des Baums*
Der chinesische Zenmeister Seppo sagte zu seinem Schüler Chosei: »Komm, nimm die Hacke! Statt der Meditation fällen wir ein paar Bäume und bauen eine Hütte.« So folgte Chosei dem Meister in den Wald des Klosters. Als er ausholte, um den ersten Baum zu fällen, rief Seppo ihm zu: „Unterbreche Deine Bewegungen nicht, bis Du im Herzen des Baumes angelangt bist!” Ohne den Schlag auszuführen, antwortete Chosei ihm: »Ich bin schon angekommen.” „Sehr gut”, erwiderte Seppo. „Unser Buddha hat seine Lehre direkt von Herz zu Herz übermittelt. Was sagt Du dazu?” „Übermittlung erhalten”, antwortete Chosei, indem er die Axt zu Boden warf. Seppo hob sie auf und versetzte seinem Schüler mit dem Stiel einen Schlag auf den Kopf.
Der Meister sagt also zum Schüler: “Statt der Meditation und der Arbeit an unserem Geiste im Kloster werden wir uns heute körperlich betätigen. Wir werden etwas Nützliches bauen. Doch wenn Du den Baum fällst, so hör nicht auf, bis Du in seiner Mitte angelangt bist.” Damit will er sagen: “Beginnst Du die Arbeit des spirituellen Wandels, dann unterbreche sie nicht, bevor Du in Deiner Mitte angelangt bist.” Der schlaue Schüler hat die Gesprächsebene des Meisters sofort erfasst und antwortet: “Ich bin schon angekommen.” Damit will er zum Ausdruck bringen, dass er bereits seine eigene Mitte gefunden hat.
Der Meister akzeptiert diese Behauptung und fügt hinzu: “Buddha hat seine Lehre von Herz zu Herz übermittelt. Er hat nichts geschrieben. Hast Du diese Übermittlung erhalten?” Dies bejaht der Schüler und wirft die Axt fort. Damit will er sagen, dass für ihn die Arbeit erledigt ist. Er hält es nicht mehr für nötig, stundenlang zu meditieren, zu studieren, zu suchen, die Lehren der verschiedensten Meister zu hören, an seinen Energien zu arbeiten, Tantra oder Yoga zu betreiben usw. Hat man entdeckt, dass die Überlieferung das Herz getroffen hat, ist alles geschafft.
Nun bekommt er einen Schlag vom Meister, der ihm dadurch zu verstehen gibt: »Hier tappst Du in Deine eigene Falle, weil Du glaubst, es gäbe eine solche Übermittlung. In der spirituellen Arbeit kann uns niemand etwas beibringen. Du musst es in Deinem Inneren finden. Nichts wird übermittelt.« So sagte auch Gurdjieff: “Niemand kann an Deiner Stelle pinkeln.” Das kannst Du nur selbst erledigen. Wenn Du fündig wirst, dann wirst Du fündig. Man kann Dir dabei helfen. Aber diese Geschichte von der Übermittlung der Erkenntnis ist ein Hirngespinst Deines Ichs.